Gérard Genettes Architext

The Architext (Buchcover)

The Architext (Buchcover)

Der Architext nach Gérard Genette ist eine von mehreren Dimensionen der Intertextualität1, es ist eine der Arten wie ein anderer Text in einem bestimmten Text vorkommt. Die Architextualität ist vielleicht die am wenigsten greifbare Art der Intertextualität.

Was mich als Sammler und Archivar an der Intertextualität interessiert: dass ein Werk immer mit allen anderen Werken in einem Verhältnis steht. Mit allen? Nein natürlich nicht, aber mit einigen. Freilich kennt man als Spezialist/-in die relevanten intertextuellen Relationen – und mit dieser Kenntnis versteht man das einzelne Werk bzw. den einzelnen Text besser. Die Erfahrung der Relevanz der Intertextualität ist eine, die tendentiell Gelehrte, Belesene und Sammler machen. Sie ziehen ein einzelnes Werk aus dem Regal und wissen, dass es mit seinen Nachbarn (wenn man eine Ordnung im Regal hat), aber auch mit anderen bestimmten Büchern oder Veröffentlichungen in einem Verhältnis steht. Man zieht so gesehen mit dem Werk viele imaginäre Fäden mit aus dem Regal. Diese Szene vor dem Regal ist so etwas wie die intertextuelle Ursituation. Das herausgezogene Werk hat diese Fäden zu anderen Werken und es hat als ein naher Horizont die ganze Sammlung und als ferner Horizont das gesamte Dokuversum, das aus allen Werken überhaupt besteht.

Genette führt in einem hoch-dramatischen Moment seines Buches vor, dass wer (im Gegensatz zum oben Gesagten) glaubt, dass eine Textlektüre ohne den Architext auskäme, sich mächtig täuscht. Kurz vor Schluss im letzten Kapitel XI, nimmt die Erörterung eine dialogische (und in dem Sinn ebenfalls dramatische) Gestalt an. Der imaginäre Gesprächspartner2, wendet ein: «I can always shut myself up inside [the text] and comment on it in my own way.» – «You are, then, shutting yourself up inside a genre» – «What genre?» – «Textual commentary, for heaven’s sake, and even, to be exact, textual-commentary-that-doesen’t-care-about-genres: that’s a subgenre.» Das Argument von Genette besteht darin, dass die architexturale Dimension jedem Text eingeschrieben ist bzw. dass jeder Text den Architext als transzendentalen Horizont mitführt, vor dem er erst verständlich ist. Es gibt für Genette keinen Text, der ohne diesen Architext existieren könnte.

Anders gesagt: Es gibt keinen Genre-freien Text. Es gibt Genremixes, aber jeder Teil eines solchen Mixes kann wiederum einem Genre zugeschrieben werden. Es gibt Genrehybriden, zum Beispiel Rank Strangers von den Stanley Brothers, das sowohl ein Close-Harmony-Country- als auch ein Gospel-Stück ist. Selbstverständlich steht dieses Stück nicht allein da, denn Genrehybriden sind selbst Genres bzw. Stile (siehe Musikzimmer Stildiskografie). Manchmal streitet man, welchem Genre ein bestimmtes Werk zuzuordnen ist. Solche Zuordnungs-Schwierigkeiten sind kein Beweis für die Absenz von Genres.


Stanley Brothers: «Rank Strangers». Text und Musik: Albert Brumley. Nachweis (Album): Starday SLP 122, 1960.

Zur Architextuellen Dimension gehören für Genette: Genres, Subgenres, Stile, Modi, Narratologie, Figuren.3 Entscheidend an diesen Textdimensionen ist, dass die Formen frei kopiert werden können und nicht vom Urheberrecht geschützt sind. Das Genre des Märchens hat keinen Urheber. Auch ein neues Genre, ein neuer Stil darf imitiert werden.4

Im Feld der Populären Musik heisst Intertextualität, dass ein Song oder ein Album im Zusammenhang mit anderen Songs oder Alben steht, auch mit Songs oder Alben, die architextuell verwandt sind. Auch hier trägt der Architext zum (besseren) Verständnis des Texts bei.

Es fällt mir nicht leicht, architextuelle Beziehungen auf die Musik zu übertragen. Es stehen viele offene Fragen im Weg: Gibt es in der Musik eine dermassen fundamentale Teilung wie in der Literatur? Spielt die selbe Dreiteilung eine Rolle? Gewiss gibt es lyrische Musik, dramatische Musik und epische Musik. Doch, ist das gleich wichtig wie in der Literatur? Hat das einen gleich grossen Stellenwert? Reden wir vom Text (den LYRICS), von der Musik oder vom Song (Einheit von Text und Musik)?
Ist die Zweiteilung zwischen Song und Track so etwas Fundamentales?

Zwischen Texten gibt es Verbindungen: Verbindungen des Genres, Stils, des Themas, der Besetzung, Listenzugehörigkeiten, Korpuszugehörigkeiten, Katalogzugehörigkeiten, Genre/Stilzugehörigkeiten, thematische Verwandschaften, zeitliche Verwandtschaften … Solche beziehungen werden in der Datenbank von Musikzimmer abgebildet.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Re-Enter: New Age

New Age Musik ist gerade eines der grossen Themen in der Gegenwartsmusik. Das Reissue-Label Light In The Attic brachte einen Genre-Sampler heraus, der nun mediale Wellen wirft.

Es ist ein Kennzeichen der Gegenwartsmusik, dass sie jede Nische der bisherigen Musikgeschichte ausleuchtet. Platten, Cassetten sowie Vintage-Instrumente werden begehrte Sammlersobjekte. Mit den Instrumenten wird dann wieder Musik gemacht und von den Tonträgern werden Klänge gesampelt oder Inspiration herausgezogen. Was dabei herauskommt zeigt die Musik von den Emeralds, von Oneohtrix Point Never oder das neue Album des Emeralds-Alumnis Mark McGuire: Along The Way.

Mark McGuire photografiert von Christopher GabelloDer NewYorkTimes-PopCast vom 14. Februar 2014 behandelt das Thema New Age Musik. Ben Ratliff unterhält sich mit Mike Rubin, der in der NYT über die Persistenz der New Age Musik geschrieben hat1.

  1. Mike Rubin (2014): For New Age, The Next Generation. http://www.nytimes.com/2014/02/16/arts/music/for-new-age-the-next-generation.html?_r=0 (Publikationsdatum: 2014 02 13)

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Retrophänomene in der Populären Musik

Folgende Präsentation zu Retrophänomenen in der Populären Musik ist in der Auseinandersetzung mit Simon Reynolds‘ Buch Retromania entstanden. Es enthält viele Songbeispiele.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Do Music Charts Still Matter?

Der Musikmarkt ist zersplittert wie noch nie und die Verkaufszahlen befinden sich auf einem absoluten Tiefpunkt. Kann eine Hitparade wie die Billboard Hot 100 noch so tun, als gäbe es einen Markt auf dem relevante Songs erfolgreich sind?

Dieser interessante Podcast aus der Reihe von Upward Spiral Deep Dive Podcasts vertieft das Thema der Relevanz von Charts/Hitparaden in unserer Zeit. Anlass für die Diskussion ist, dass ein Mobile-Anbieter eine Million Exemplare von Jay-Zs Album Magna Carta Holy Grail vorgekauft hat, um die Tracks ihren Kunden zu verschenken.


Für die Billboard Charts zählen alle verkauften physischen oder digitalen Alben, aber nur dann, wenn ein Kunde die Kaufentscheidung selbst trifft und das ist bei der Million Jay-Z-Alben nicht der Fall.
Der Podcast wirft allerlei interessante und wichtige Fragen im Zusammenhang mit Hitparaden auf: Was soll gemessen werden – ein Kauf, Aufmerksamkeit (seit Februar 2013 werden auch Youtube-Abrufzahlen für die Billboard Hot 100 berücksichtigt), Trends auf Twitter, geklickte Like-Buttons? Für wen sind Charts interessant – für oberflächliche MusikhörerInnen, die dem nachjagen, was sie verpasst haben könnten, oder für das Musikbusiness selbst?

Nachtrag: Posting über das Video zum Titeltrack des Albums, der bei Facebook und nicht bei VEVO erschien Why Jay-Z Premiered His «Holy Grail» Video On Facebook (Hypebot, 5. September 2013)

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Zum Unterschied von Retro und Revival in analytischer Hinsicht

Das Metropolitan Museum of Art veranstaltet gegenwärtig eine Ausstellung zu Punk: Chaos to Couture. Für die Ausstellung wurden die Sex Boutique von Vivienne Westwood und Malcolm McLarren sowie das Klo des CBGB’s nachgebaut. Die Hakenkreuze fehlen offenbar und wurden durch Totenköpfe ersetzt.

Der Unterschied von Retro und Revival in analytischer Hinsicht ist folgender: Revival revitalisiert, macht (wieder) lebendig, was nicht mehr lebendig ist, Retro hingegen geht zurück nimmt alte Formen und Ideen wieder auf, weil die frühere Zeit, die diese Ideen hervorgebracht hat, eine bessere Zeit war.

Wenn nun also die Ausstellung im MET Räume der Punk-Zeit ins Museum stellen bzw. nachbauen, dann ist das ein Beispiel für Retro statt Revival. Ihr fehlt wie Andrea Köhler in der NZZ feststellt, die Imaginationskraft. Ein Revival wäre hingegen eine Angelegenheit der Fantasie und der Einbildungskraft.

Jetzt kann man sagen, ein Museum sei nicht da, um neue Kunst zu schaffen, sondern um die Kunst, die früher entstanden ist, wahrheitsgetreu zu dokumentieren. Dann müssten aber auch die Hakenkreuze gezeigt werden, statt sie zu tabuisieren.

Beide, Retro und Revival, greifen dort an, wo die Bedeutung kultureller Zeichen allmählich verblasst, wie das immer dar Fall ist. Wenn die Löcher in der Kleidung oder die Sicherheitsnadeln als eine unter vielen Jeansvarianten angeboten werden, wissen die Käuferinnen und Käufer schon heute, fast 40 Jahre nach Punk nicht mehr, woher das kommt und was es bedeutete. Dieser natürliche Prozess kann als Sinnverfall beklagt werden (und wird es auch oft). Retro und Revival können diesem Verfall entgegen arbeiten, wobei Retro wieder in analytischer Hinsicht konservativ bewahrend und Revival kreativ erneuernd wirken.

zum Weiterlesen: Artikel in der NZZ von Andrea Köhler (3. Juni 2013)

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Neo Postrock Revival

Oder sollten wir das Genre vielleicht Nu-Postrock-Revival nennen?

Vor Jahren noch wurde die Geschichte von Pop- und Rockmusik modern konstruiert, nämlich als zeitliche Abfolge von Genren und Stilen. Ein Stil setzt sich durch und erschöpft sich. Dann war Zeit, dass er von einem jüngeren abgelöst wurde. So entwickelte sich aus Garagerock, Glam und aus Glam, Punk etcetera etcetera. Die Abfolge konnte eine sanfte Weiterentwicklung sein oder wie im Fall von Punk ein Spektakel, eine Revolution. Ein Genre oder Stil hatte so gesehen eine Verfallszeit, wurde irgendwann überwunden, war vorbei. Wer geschmacklich an einem veralteten Genre hing, war genauso vorbei wie die Musik. Gute alte Welt!
Seit die Postmoderne in der Popmusik angekommen ist und sich breit gemacht hat, existieren alle Genres gleichzeitig. Alles ist möglich: Swing, Easylistening, Rockabilly.
Manchmal kommen die Genres auch in Wellen: Postrock-, Garagerock, Disco-Revival. Und wenn man diese Wellen benennen möchte, dann greift man zu Vor- oder Nachsilben: Retro-dies, Retro-das, XY-Revival, Neo-dies, Neo-das, New-dies, New-das.
Für Musikdatenbanken, die Genrebezeichnungen zur Beschreibung der Musik enthalten, stellt sich schon bei der zweiten Revivalwelle das Problem ein, wie man das Revival vom Revival bezeichnen soll. «Postpunk-Revival-Revival» oder «Neo-Postpunk-Revival»? Vielleicht werden wir dann zur Versionsnummer greifen müssen: «Psychedelicrock 3.0». Ich bin echt ratlos und die Not wird grösser, je länger die Postmoderne dauert.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Garagerock- und Postpunk-Revival anders gedacht

In der (Alternative-)Rock-Musik gibt es in den Noughties, den Nullerjahren, zwei Retro- oder Revival-Megatrends: Garagerock-Revival und Postpunk-Revival. Beide trugen zum Beispiel dazu bei, dass Alternativerock wieder von grossstädtischen Hipsters gehört wurde, wo diese ein paar Jahre zuvor noch in der elektronischen Tanz- und Listening-Musik «immerdiert» waren (es gibt dieses Wort natürlich nicht, es müsste es geben, weil ich «völlig in etwas eingetaucht-sein» sagen will). Man lebte in einer Clubkultur und in den Clubs lief in den 90er Jahren ausschliesslich elektronische Musik.

Vielfach werden die beiden Revival-Megatrends als Retro-Phänomen wahrgenommen, als konservativer Backlash einer neuen Generation, die nur noch mit den Ideen hausierten, die Ihre Eltern haben mochten als sie noch jung waren, anstatt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Doch vielleicht kann man das anders denken: Es gab eine Sehnsucht nach Leuten, die ein Instrument spielen, statt wie die DJs nur an ein paar Knöpfen drehen (und dazu manchmal mit ihren Gesten Zauberlehrling-gleich vorgaben, sie kontrollieren Musik und tanzende Masse zugleich). Vielleicht waren die beiden Revivalgenres mehr ein Neuanfang als eine Wiedergeburt.

Vielleicht ist die Namensgebung für diese Genres missglückt. Vielleicht ist die Namensgebung mehr an den radikal neuen medialen Bedingungen orientiert als and er Beschreibung der Musik! Ich meine, dass «Revival» ja die Tatsache bezeichnen könnte, dass jetzt Archive da waren (damals noch private Archive, die im Rahmen von Mailinglisten und Filesharing gewachsen sind), in deren Kraftfeld die neue Musik entstanden ist. Wenn das nämlich so wäre, dann wären die neuen Genres keine Rückwärts-Wendungen, wie es Rückwärtswendungen früher gab, von Leuten in Szene gesetzt, die der Überzeugung waren, dass die früheren Zeiten und ihre Musik besser waren als die Gegenwart und die Gegenwartsmusik. Aus solcher Nostalgie kamen Rockabilly-, Ska-, Mod- und frühere Garagerock-Revivals zustande.

Man müsste diese Hypothese untersuchen, man müsste in Bandinterviews, bei Auftritten schauen, ob da Nostalgie als Motiv genannt wird, ob Inszenierungen vorliegen, die als nostalgisch bezeichnet werden müssen usw.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Webbrowser simuliert Effekt-Geräte aus den 60er Jahren

Die BBC nutzt die relativ neue Technologie der Web Audio API, um Effektgeräte des BBC Radiophonic Workshops aus den 60er Jahren zu simulieren. Eine nette Spielerei für die einen, Cutting-Edge-Technologie für die andern (weil die Simulationen kein Flash brauchen, sondern mit Ajax/Java Script gebaut sind).

Vier Simulationen sind online verfügbar: ein Schuss Effektgerät (Gunfire Effects Generator), der Wobbulator, eine Tape Loop Simulation und ein Ring Modulator.

BBC Radiophonic Workshop: Gunfire Simulation

Für Musikinteressierte sind die vier Applikationen interessant, weil man mit ihnen nachvollziehen kann, wie der BBC Radiophonic Workshop damals die Effekte für die beliebte und kultige TV-Serie Dr. Who produziert hat: Roboter-Stimmen, Schüsse, Science-Fiction-Musik. Die Musik zur TV-Serie ist auf CD und Digital greifbar:

Diese Soundeffekte sind nicht nur Geschichte, sondern werden auch in der aktuellen Musik prominent eingesetzt, um die Stimmung aus den 60er Jahren wieder wachzurufen. Hauntology heisst dieser Retro-Musikstil. Machen Sie eine Zeitreise und spielen Sie hier mit der Applikation der BBC.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Der Begriff Indie / Independent

Der Begriff taugt nicht als Genrebezeichnung. Was musikhistorisch als Indie bezeichnet worden ist, hat zu viele Gesichter, da wird der Begriff als Genre- oder Stilbezeichnung unscharf.
Wikipedia definiert nicht schlecht: In popular music, independent music, often shortened to indie music or „indie“, is a term used to describe independence from major commercial record labels and an autonomous, Do-It-Yourself approach to recording and publishing (am 21. Mai 2010). Bei Indie geht es nicht um einen Sound, nicht um Authentizität, nicht um Innovation oder Kreativität und nicht um musikalische Qualität, sondern darum, dass Musik in einem Do-It-Yourself (DIY) Ansatz weitab der kommerziellen Produktions- und Vertriebsstrukturen entsteht. Typischerweise waren das Postpunk, Hardcore und Newpop in den frühen 80ern. Seit den 90ern gibt es noch einmal einen anderen DIY-Ansatz: der Selbstrelease. Musikern ist es dank digitaler Technologie möglich, ihre Werke selbst im Web zu veröffentlichen – sei das gegen Bezahlung oder frei zugänglich. Dies bezeichne ich nicht mehr als Indie.
Indie ist sehr an bestimmte Labels gebunden: Postcard, Mute, Rough Trade, Beggars Banquet, SST, Dischord, Sub Pop etc.
Laura Schnittker präsentiert am Anfang des Online-Artikels Progressive Sounds: Technology and Innovation in Indie Music drei Definitionen von Indie: (1) die von Stephen Lee: innovative and creative oases for new or unconventional musicians in the midst of a capital-driven and profit-oriented record business, (2) die des namenlosen Musikdirektors von WCBN: A sort of moderate-level production, not whole lot of money has been poured into it und (3) die Aussage eines Indie-Fans auf ihrem Blog: As part of a smaller audience, I get the feeling of a closer connection, and a more direct and authentic experience of listening to and through their music. Implizit spricht dieser Fan von Indie als authentischem Musikerlebnis. Die Autorin selbst definiert Indie dann als an approach that relies on innovative uses of technology, was ziemlich exotisch ist.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

Einführung in die Genre-Klassifikation von Musikzimmer

Genre

Genrebezeichnungen werden verwendet, um Literatur, Kunst oder Musik zu kategorisieren. Online-Shops beispielsweise verwenden Genrezuordnungen, weil sie für Orientierung im Angebot sorgen, oder Musikdatenbanken, weil sie Verwandtschaften kennzeichnen.1 Doch an Genrebezeichnungen lässt sich manches bemängeln und folglich kann man mit Recht die Frage stellen, ob man auf sie ganz verzichten soll.

1. Genre-Kategorien sind vage: Sie sind untereinander nicht stimmig und nur schwer gegeneinander abgrenzbar. Ein bestimmter Song ist nicht immer klar einem Genre zuordenbar, sondern mehreren oder keinem.

2. Was wird eigentlich einem Genre zugeordnet? Der Interpret, ein Album oder ein Song, oder gar alles das? Wir finden in Büchern und Webseiten alle genannten Möglichkeiten. AllMusic bietet bei einer Genreabfrage wahlweise an, dass man sich Artists, Alben oder Songs anzeigen lassen kann.2 Es mag ja korrekt sein, zu sagen: «Die Rolling Stones sind eine Rock-Band». Die Aussage unterschlägt aber, dass es im Stones-Katalog auch Stücke gibt, die man besser dem Pop, Beat, Soul, Blues oder Disco zurechnet.

3. Musiker/-innen sind mit Genre-Zuschreibungen selten glücklich. Die meisten von ihnen wollen in der Regel viel mehr sein, als jemand, der ein Genre bedient. Zeitgenössische Kunstschaffende verstehen sich als individuell und einzigartig, ihre Werke haben den Anspruch, unverwechselbar und originell zu sein. Musik ist eine Kunstform. Kunst ist als Ausdruck von Menschen so facettenreich, dass Genrebegriffe diese Einzigartigkeit von Kunstschaffenden und Werken nicht zu fassen vermögen.

4. Genrebegriffe bilden zuweilen ein Klassifikationssystem. Dies ist auch im Musikzimmer der Fall. Doch Klassifikationssysteme gelten spätestens seit der Postmoderne als ideologisch und Herrschaftsanspruch. Wer an ihnen festhält, macht sich der Ideologie verdächtigt (siehe zum Beispiel der Atikel von Die Macht der Klassifizierung. Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung von Konrad Becker). In der Wikipedia steht beim Eintrag zu «Genre»: «Genre suffers from the same ills of any classification system» (10.9.16). Klassifikationssysteme sind grundsätzlich verdächtig. Hat Genre als Klassifikation von Literatur, Kunst und Musik ausgedient?

5. Was passiert in Räumen, in denen die postmodernen Forderungen nach gewaltfreiem Diskurs verwirklicht sind und keine Macht über Begriffe ausgeübt wird? Was passiert auf Internetplattformen, wo jeder User frei Genrebegriffe wie «Tags» vergeben kann? Ivan Sterzinger hat vor einiger Zeit in der Zürcher Fabrikzeitung das Verschwinden von Stilgrenzen im Internet festgestellt. Stilbegriffe würden aufgeweicht, Hörgewohnheiten individualisiert (Fabrikzeitung 235, 10/2007, S. 2). In Webapplikationen, wo die User selbst über Stilbezeichnungen verfügen, sind sie vielfach überfordert oder unentschieden: House wird zu Techno, Folk zu Rock oder Heavy Metal zu Punk. Die Beliebigkeit regiert. Im Fall der Überforderung greifen Nutzer zu Restkategorien wie «Anderes». Durch beide Tendenzen verschwinden Genregrenzen zunehmend. Doch stimmt diese Diagnose nach fast zehn Jahren noch? Auf die Person, die Techno mit House verwechselt, kommen vielleicht drei Personen, die das korrigieren. Und wenn die Mehrzahl der Leute sich einig sind, dass die beiden Begriffe austauschbar sind, dann sind sie eben austauschbar und bedeuten zum Beispiel gleich viel wie «Elektronische Musik». Ist Genre letztlich nicht gleich viel wie jedes andere «Tag», mit dem Musik beschrieben wird: auswechselbar mit Stimmungs-Begriffen wie «traurig», «melancholisch», auswechselbar mit Formbegriffen wie «12-bar Blues», «bluenotes», «synkopisch», auswechselbar mit Dimensionen der Hörerfahrung wie «Schmerz», «Trauer» «verlassen werden». Hat Genre noch eine spezifischere Bedeutung als «Tag»?

Vorhaben

Ich habe vor, den Begriff Genre gegenüber freien Beschreibungskategorien («Tags») zu retten und Genre als Kategoriensystem zu rehabilitieren.

Es gibt neben dem Genre noch andere Begriffsklassen, die verwendet werden, um Musik zu beschreiben und um musikalische Ähnlichkeit zu bezeichnen, zum Beispiel: Gattung, Art, Architext (Intertextualitäts-Begriff von Gérard Genette), Stil (Richtung), Form, Sparte, Format, Stimmung (Mood), Typ (Prägung), Feld, Thema, Motiv, Epoche, Bezeichnungen von Rhythmen und zugehörigen Tanzschritten.
Ein Teil dieser Begriffe bezeichnen eine genealogische Beziehung (siehe nächsten Abschnitt), nämlich Gattung, Art und Genre. Andere Begriffe bezeichnen eher Merkmale der Musik (Stil, Richtung, Form), mediale Bedingungen (Format), Wahrnehmungskategorien (Stimmung, «Mood») oder Kontextbedingungen (Typ, Prägung, Feld).

Ich möchte im Folgenden den Genrebegriff untersuchen, gegenüber anderen Begriffen differenzieren und Genre als genealogisches und taxonomisches Kategoriensystem rekonstruieren, um dieses in Musikzimmer zur Feststellung von Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Alben, Songs und Acts zu verwenden.

Genre als Herkunftsbegriff

Das Wort «Genre» ist verwandt mit anderen Wörtern, zum Beispiel mit Genetik (Abstammungslehre), dem Genitiv (dem grammatischen Fall, der Herkunft und Verwandtschaft zum Ausdruck bringt – der Sohn des Vaters, die Tochter der Mutter), Genesis (Teil in der Bibel, der die Entstehung der Welt erklärt) – hat alles mit dem deutschen Wort «Abstammung» zu tun und kommt vom griechischen Wort «γένος» («genos»).
Ein musikalisches oder literarisches Genre ist eine Einteilung, eine Schublade, in die man musikalische Werke versorgt, die sich ähnlich sind wie Brüder oder Schwestern. Wichtig: Diese Ähnlichkeit ist nicht zufällig, sondern kann auf gemeinsame Elternschaft zurückgeführt werden. Man nennt diese Ähnlichkeitsbeziehung «genealogisch».

Genre ist damit ein Herkunftsbegriff und nicht so sehr eine Menge von herrschenden Konventionen (à la «Folk ist Musik in der Form von Songs, die mit akustischen Saiten-Instrumenten gespielt wird»). Doch Musiker/-innen wie Konsument/-innen verstehen das vermutlich meistens gerade anders. Musiker/-innen fassen Genre als Form auf, die sie ästhetisch gestalten oder aus der sie ausbrechen können. Doch nimmt man Genre als einen genealogischen Begriff ernst, dann müsste man sagen: «Man kann nicht aus seiner Herkunft ausbrechen. Man kann sich weit von den eigenen Wurzeln entfernen und man kann die Wurzeln verleugnen, aber man kann sie nicht ausreissen.» Dennoch muss man in Erinnerung behalten: Genres werden meistens mit Eigenschaften, Formmerkmalen, Besetzungseigenarten usw. beschrieben. Es ist prima vista unklar, wie Genre als Merkmalsbündel und Genre als Herkunft miteinander vermittelt werden können.

Ich möchte an dieser Stelle Genre als Herkunftsbegriff weiter vertiefen. Dazu konstruiere ich folgende Geschichte: Ein Müller-Sohn wird wie sein Vater zunächst Müller; eine Bäcker-Tochter wie ihr Vater zunächst Bäckerin. Nun sind beide jung und wollen etwas erleben. Sie gehen auf eine Reise nach Amerika. Beide kommen nach Kalifornien und es gefällt ihnen so gut, dass sie dort bleiben und leben wollen. Nun beginnen sie in Kalifornien zu arbeiten, aber dort braucht es grad keine Bäcker und Müller. Sie müssen Orangen pflücken, um überleben zu können. Nun haben Müller-Sohn und Bäcker-Tochter eine Gemeinsamkeit (sie sind Orangenpflücker in Kalifornien), obwohl sie von der Abstammung her, genealogisch verschieden sind. Eine solche Gemeinsamkeit nennt die Evolutionsbiologie «analog», eine Gemeinsamkeit, die auf eine gemeinsame genetische Abstammung zurückzuführen ist hingegen «homolog».

Analog sind zum Beispiel britischer Pubrock und texanischer Honkytonk. Ersterer kommt aus dem Powerpop und Poprock, letzterer aus der Countrymusik. Verschiedene Abstammungen (Genres) brachten musikalisch ähnliche Formen hervor. «Psychedelic» ist ein Stil und kommt in verschiedenen Genres vor: Es gibt Psychedelicpop, Psychedelicrock, Psychedelicsoul. Psychedelic kommt innerhalb von verschiedenen Familien/Stammbäumen vor und ist daher eine typische analoge (nicht homologe) Ähnlichkeit. Ein Stil ist abhängig vom Kontext: den Leuten, die involviert sind, den Orten, wo eine Musik gespielt wird, der Zeit. Psychedelic kommt auf, durch die Drogenerfahrungen, die viele Musiker/-innen ab 1966 machen. Im Fall von Pubrock und Honkytonk prägt das Lokal, in dem die Bands spielen, die Musik.

Homolog sind Artpunk und Streetpunk, da sie sich beide aus dem Punk differenzieren. Zu Beginn gibt es nur die «Mutter» Punk und die beiden «Brüder» differenzieren sich langsam aus. Im Lauf der Zeit werden sie zu rivalisierenden Antagonisten. Um im Bild der Brüder zu bleiben: Ein Bruder geht an die Kunsthochschule, der andere lebt auf der Strasse und in besetzten Häusern.

Wenn wir das bisher Gesagte strukturell etwas aufdröseln: Musik ist geprägt von Herkunft (Genre), gestalteter Form und Kontext. Die Herkunft kann von der Art einer Prägung sein, z.B. wenn eine Musikerin mit einer Musiktradition aufwächst und kaum anders kann, als diese Tradition weiter zu führen. Die Herkunft kann aber auch eine gewählte sein, wenn ein DJ-Producer zum Beispiel entscheidet, House zu produzieren und nicht Techno. Die gestaltete Form an einer Musik, ist die kreative Arbeit, die durch die Musikerin oder den Musiker ins Werk gesetzt wird: Komposition, Instrumentaltechnik, Arrangement, Soundgestaltung und viele andere Dimensionen. Zum Kontext gehören die technischen Möglichkeiten, die Räume, in denen man auftritt, und weitere aussermusikalische Einflüsse.

Die Gestaltung hat die Kraft, die Herkunft zu verwischen. Taylor Swift beginnt mit Countrypop. Einige ihrer frühen Hits sind «Crossovers», sie kommen in die nationale Hitparade. Nun beginnt die Singer-Songwriterin neben dem Country- auch den Popmarkt zu erobern und ist dabei äusserst erfolgreich. Ihre neueren Hits sind Pop-Hits und haben mit anderen Pop-Hits gemeinsame analoge (nicht homologe) Merkmale. Aber niemand denkt dabei noch an Country.

Genre als Gestaltungsdimension

Aus der Sicht von Künstler/innen ist ein Genre eine Form, die sich ästhetisch gestalten lässt, d.h. die Genrekonventionen können bedient werden (Beispiel: Tanzmusikproduktion) oder sie können bewusst verletzt werden (Dylan, der in Newport elektrischen Folkrock spielt). Manchmal entsteht durch Verletzung der Konventionen ein neues Genre. Auch können diese Formen kombiniert werden: die Byrds spielen Folksongs im Stil englischer Beatbands und erfinden Folkrock.

Genre als Intertextualitätskategorie

siehe Blogpost zu Géradrd Genettes Architext

Gebrauchsdimensionen
1. Genre als Ordnungssystem: Wie ordnet man CDs/Platten, mit welche Metadaten beschriftet man die Songsammlung in iTunes? Gar nicht: gibt wenig zu tun, macht aber das Wiederfinden schwierig, wenn die Sammlung gross wird. Alphabetisch nach Interpreten: sehr einfaches Ordnungsprinzip, Probleme damit: Stört es, wenn Beethoven hinter den Beatles steht, weil beide mit BE anfangen. Die haben ja in musikalischer Hinsicht wenig miteinander zu tun. Was hat denn in musikalischer Hinsicht miteinander zu tun? Eine mögliche Antwort heisst «das Genre». Ich will meine Pop-Platten alle zusammen haben: Abba und Zombies nicht an anderen Enden des Regals, sondern näher zusammen.

2. Genre als Mittel der Aufmerksamkeitslenkung: In den Medien, die über Musik berichten oder Kanäle mit Musik füllen, dienen Genrebezeichnungen zur Aufmerksamkeitslenkung. Sie helfen, wenn über eine Neuveröffentlichung (oder ein Konzert) geschrieben oder berichtet wird, diese Musik ästhetisch zu verordnen. Medien können Genrebezeichnungen pflegen, so dass die Grosszahl ihrer Konsumenten wissen, was unter ihnen zu erwarten ist. Mit der Zeit versteht eine Leserin von The Wire was «Avantrock» ist. Genrebezeichnungen clustern genügend ähnliche Musik und reduzieren damit die Komplexität, mit der über Musik geschrieben oder gesprochen wird.
Genrebezeichnungen findet man auch in Diskografien und in Musikdatenbanken. Nach Genres suchen kann man beispielsweise im All Music Guide, in Rate Your Music und natürlich in Onlinelexika wie Wikipedia (vor allem das englische), wo hingegen in Discogs Genres nur als Attribut verwendet werden.

3. Genre als Beschreibungs-Kategorie des Marketings: Die Industrie führt die Konsumenten von Radioprogrammen sowie die Schallplatten- bzw. CD-Käufer/innen mittels Format- und Genrebezeichnungen zum Produkt: Radio-Formate spezifizieren den Charakter von Radioprogrammen. Genrebezeichnungen leiten Kunden in CD- und Schallplattenläden zu den Regalen, die sie interessieren. Wie Pachet und Cazaly (A Taxonomy of Musical Genres, 2000, PDF, S.2) beschreiben, arbeiten diese Taxonomien in der Regel auf vier Stufen:

  1. Globale musikalische Kategorien wie Klassik, Jazz, Rock,
  2. Subkategorien wie Hardrock, Oper, Swing,
  3. Alphabetische Ordnung der Interpreten bzw. Musiker/innen und
  4. die einzelnen Alben selbst.

Man kann wohl mit Aucouturier und Pachet (Representing Musical Genre: A state Of The Art, 2003, PDF, S. 83) behaupten, dass die Genrezugehörigkeit die beliebteste Beschreibungskategorie von Musik darstellt. Deshalb findet man sie auch in gängigen Musikdatenbanken im Internet. Auch Musikzimmer bietet Genremaps als Navigation an. Navigierbare Genres erlauben einen praktischen topdown Zugriff auf Musik: Über eine Genrebezeichnung wie Garagerock findet man viele spannende Bands, Releases und Songs, die miteinander verwandt sind. Oder wenn man ein Album wie Ys von Joanna Newsom mag, dann findet man über Genreverwandtschaften andere Alben, die einem vermutlich auch gefallen.

Die Kritik an Genres

Vagheit: Genres sind vage Kategorisierungen ohne klare Grenzen. Folgende Dimensionen machen die Vagheit von Genreklassen mit aus:

  1. Genrebezeichnungen sind mehrdeutig. R&B kann Rhythm & Blues zur Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnen und Urban Contemporary der 90er und der frühen 2000er Jahre.
  2. Genreklassen sind inkonsistent. Es wird nach musikalischen Formen eingeteilt (diese betreffen teils die Form des Rhythmus, teils die Form der Komposition: Beat, Rock, Symphonie), nach Instrumenten (Synthpop, Guitar Virtuosos), nach Nationen (Krautrock), nach Aufführungspraxen (Oper, Ballet, Chorwerk, Kirchenmusik, Dance), nach historischen Perioden (die akademische oder sogenannte «klassische» Musik verwendet Genreangaben wie: Barock, Klassik, Romantik etc.) usw.
  3. Genre-Taxonomien sind hierarchisch; es gibt Genres und Subgenres. Dabei kann die selbe Bezeichnung einmal für ein Genre, ein anderes Mal für die Bezeichnung eines Subgenres fungieren. Indie kann ein Genre oder ein Subgenre (von Rock oder Pop) sein. Rhythm & Blues kann für praktisch die gesamte afroamerikanische Popmusiktradition stehen oder für deren Phase nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Soul.
  4. Klassifikationen von Genres sind teils taxonomisch (begriffslogisch), teils genealogisch (geschichtlich). Eine genealogische Verbindung zweier Genres zeigt eine musikalische Entwicklung. Beispielsweise entsteht Mersey-Beat aus Rhythm & Blues, Rock’n’Roll und Skiffle.
  5. Genreklassifikationen bzw. die Summe aller verwendeten Genrebezeichnungen ist sehr unterschiedlich. Musikläden kommen mit vielleicht fünf Genres aus, Musikdatenbanken wie der AMG arbeiten mit über 500 Genrebezeichnungen. Zwischen diesen Extremen liegt ein Faktor von 100! Je mehr Bezeichnungen, desto genauer, aber auch desto schwieriger zu verstehen. Grafische Repräsentationen mögen das ertragbare Mass von Genrebezeichnungen anheben.
  6. Immer wieder kommen neue Genres hinzu, was die Klassifikation schwierig macht. Ein neues Genre schafft neue Abgrenzungen und Zuordnungen.

Das alles schlägt negativ zu Buche: Genrebezeichnungen sind vage und demzufolge fehlt der Konsens weitgehend (siehe hierzu auch Pachet & Cazaly, 2000, S. 3).

Genrebezeichnungen als Autorleistung

Ist es aber nicht auch möglich, die Vagheit, Unbestimmtheit und die fehlende soziale Verbindlichkeit der Genrebezeichnungen als Tatsache anzuerkennen und diese positiv zu wenden und zu sagen, es ist eben die Leistung eines Autors, der sich mit der Geschichte und den Formen der Musik auseinandergesetzt hat, Genrebezeichnungen einzuführen und einigermassen konsistent zu verwenden?

Ich arbeite auf ein konsistentes System von Genres, Sparten und Stilen hin, das die musikalische Landschaft wenigstens zum grossen Teil zu umfassen vermag und das genügend fein ist, um Musik auch stilistisch zu fassen.

Im Unterschied zu dieser historisch philologischen Arbeit versuchen Ingenieure seit längerem, die vage und fehleranfällige menschliche Genrezuschreibung durch eine automatische zu ersetzen. Mächtig ist der Traum vom Algorithmus, der aus einer Musikdatei das Genre automatisch extrahiert:

function analyzeGenre(song.mp3){
...;
return $Genre;
}

Es gibt diesen Algorithmus, doch (mich) befriedigende Antworten spuckt er nicht aus.

«State of the art» hingegen ist die als Autorleistung entstandene Musicmap von Kwinton Crauwels, die 30 Genres und 235 Sparten unterscheidet.

Musicmap (Screenshot)

Musicmap (Screenshot)

Weiteren Genre-/Music-Maps sind zu finden bei Ishkur’s Guide to Electronic Music, washedashore, Musicmachinery, Digitalmusiccollector, Kubanische Musik

Genealogie und Taxonomie

Die Genres der Musikzimmer-Datenbank leiten sich nicht allein von taxonomischen Überlegungen her ab, sondern stellen eine Art Musikgeschichte im Überblick, also eine Genealogie dar. Eine Betaversion einer sochen Genealogie ist bereits seit einiger Zeit als Genremap von Musikzimmer online.

Und so gibt es innerhalb von Musikzimmer.ch zwei positive Zwecke für die Zuteilung von Genrebegriffen zu Alben und Songs: Diese Zuteilung lebt nicht so sehr von der Richtigkeit, sondern von den sich daraus ergebenden Querverbindungen, von Alben und Songs, die stilistisch zu einander gehören (synchrone Querverbindung, Logik der stilistischen Ähnlichkeit) und die genealogisch miteinander zu tun haben (diachrone Querverbindung, Logik der Genealogie).

Dreistufige Genrebezeichnungen

In Musikzimmer verwende ich in taxonomischer Hinsicht dreistufige Genrebezeichnungen. Die drei Stufen sind: «Genre – Sparte – Stil».

Als Genre bezeichne ich das, was früher in Schallplattenläden Departemente, Abteilungen, Regale, Reiter gebildet hat: Pop, Rock, Jazz, Blues, Folk usw. Es gibt eine Übersicht über die verwendeten Genres als kognitive Karte. Darin sind allerdings Volksmusik-Sparten wie Afrikana, Caribbeana, Europeana, Latin und Oriantalia nicht eingezeichnet.

Als Sparte bezeichne ich speziellere Bezeichnungen, die Fans und Sachverständigen durchaus geläufig sind: In der Sparte Rock sind das zum Beispiel: Bluesrock, Hardrock, Psychdelicrock, Progrock, Glamrock, Artrock, Punkrock usw. Einige Spartenbegriffe sind und bezeichnen Hybridisierungen, z.B. Folkrock, Countryrock.

Als Stile verwende ich Begriffe, die ein Genre weiter zu spezifizieren vermögen. Oft sind es geografische Kriterien, die hier ins Spiel kommen. Im Fall von Punkrock beispielsweise New York Punk, Cleveland Punk, London Punk, Manchester Punk. Die Stilbegriffe sind für mich optional, d.h. ich bin bereits zufrieden, wenn ich einem Release oder einem Song eine möglichst genaue Sparten- und Genrebezeichnung zuordnen kann.

In der Radiowelt ist der Begriff des Formats gebräuchlich. Ein Format beinhaltet oft mehrere Genres und Sparten. In Musikzimmer sind einige Formate als Tags erfasst. Die Erläuterung des Tags kann eine Navigation mit den im Format beinhalteten Genres enthalten.

Die Gattungsunterscheidung

Aber was ist eine Gattung? Ich mache einen vergleich mit der Literatur: Dort differenziert man zwischen drei Gattungen: Lyrik, Dramatik und Epik. Geht auf Goethe zurück. Über die Unterscheidung wird seither gestritten. In ähnlicher Weise brauche ich Gattung für die grundlegendste Unterscheidung dreier Arten von Musik: Folklore, Kunstmusik und Populäre Musik. Auch hier streitet man darüber, was diese drei musikalischen Gattungen eigentlich unterscheidet. 3

  1. z.B. Amazon (allerdings ohne die Bezeichnung «Genre» zu verwenden) oder Cede.ch
  2. siehe beispielsweise die Abfrage nach Blues
  3. siehe Wikipedia (en), 30.9.16

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).