Winstons für «Amen, Brother» endlich bezahlt – aus Fundraising-Kampagne

Wo das Gesetz systematisch versagt, Gerechtigkeit zu schaffen, können beizeiten verantwortungsvolle Menschen etwas kompensieren. Eine schöne Geschichte: Der nach dem Funk-Stück genannte «Amen-Break» ist die Mutter aller Breakbeats. Dieser Drum-Break wurde gesampelt und im Hip-Hop und in der englischen Breakbeat-Musik abertausende Male verwendet – ohne dass Tantiemen an Band oder Drummer geflossen wären. Das Stück war selbst ein instrumentales Cover und auf Drum-Breaks besteht sowieso kein Recht auf Autorschaft und auf die damit verbundenen Verwertungsrechte.

Man wusste schon lange von dieser Ungerechtigkeit und so haben die beiden britischen DJs Martyn Webster und Steve Theobald eine Fundraising-Kampagne (Gofoundme) geschaltet, durch die die Band, bzw. das einzige überlebende Gruppenmitglied, der im Stück nicht singende Sänger Richard Spencer endlich, endlich 24’000£ erhielt. Der Drummer Gregory Cylvester ‚G. C.‘ Coleman verstarb leider zu früh für diese kompensatorische Genugtuung.


Winstons: «Amen, Brothers». Text und Musik: Gregory Coleman & Richard Spencer. Nachweis (Album): Metromedia MD 1010, 1969.

Produktions- und Verwertungsbedingungen von Musik im Internetzeitalter

Wenn man den Zustand und die Situation der Musikindustrie der Gegenwart analysiert, dann werden zumeist Verkaufszahlen angeschaut und die Geschichte erzählt, wie sich Musik, seit sie entmaterialisiert ist, nicht mehr verkaufen lässt.

US Recorded Music Revenue Dollars per Capital – siehe PUBLISHING IN THE DIGITAL ERA. A Bain & Company study for the Forum d’Avignon

Wenn man die Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Gegenwartsmusik mit breitem soziologischem Fokus untersucht, erkennt man schnell, dass es noch immer unzählige Musikmillionäre gibt und dass die Musikindustrie eigentlich gute Kennzahlen produziert. Die Produktpolitik hat sich sehr stark verschoben (Lizenzierung und Livekonzerte sind heute einträglich und nicht der Verkauf von Tonträgern). Man hat auch die Ahnung, dass die Schere zwischen denen, die mit Musik reich werden und denen, die nicht davon leben können, grösser wird (ein Spiegel der Gesellschaft, in der die Schere der Einkommensverteilung grösser wird).
Historisch ist die Vermarktung von Musik eng an die Leitmedien einer Zeit gebunden. Als Radio in den 20er-Jahren aufkam, gab es zunächst einen Zusammenbruch der Plattenverkäufe, dann aber beflügelte das neue Medium den Absatz. In den 50er-Jahren wurde dann das Formatradio erfunden, was wiederum positive Effekte auf die Verkaufszahlen von Musik hatte, weil der nach Generationen und musikalischen Vorlieben/Geschmacksrichtungen differenzierte Markt im Rahmen der Formate überschaubar blieb. In den 80er-Jahren waren es MTV, seine Nachfolger und Ableger, die massgeblich beim Verkauf von Musik mitwirkten, wenigstens bei der jungen Generation. Heute gehören Streaming-Plattformen wie Youtube, Vimeo oder Soundcloud zu den wichtigsten Leitmedien der Musikdistribution. Diese Medien sind nicht durch Formate organisiert, sondern durch soziale (Follower, Peers) und Empfehlungslogiken (Tags, Playlisten, Blogs, Kanäle).
Vorhaben: (1) Die soziologsichen, juristischen, musikwirtschaftlichen, marketingmässigen Produktionsbedingungen der heutigen Absatzkrise analysieren (Vorbild sind dabei die Arbeiten von Richard Peterson über das Aufkommen von Rock’n’Roll.1)
(2) Die Geschichte der Verbindung von Musikindustrie und Leitmassenmedien kurz darstellen.
(3) Hauptfragestellung beantworten, wie eine Formatisierung der Streaming Media Dienste vorgenommen werden könnte.
Vermutung: Streamingmedia haben es verpasst, an die traditionellen Formate anzuknüpfen. Die Betreiber von Musikplattformen investieren Millionen für das Erkennen von Trends oder für die Verbesserung der Empfehlungsfunktionen (Spotify kaufte am 6. März 2014 für 25.6 Millionen Dollar Echonest, den führenden Musikdiscoverydienst im Netz, der grösste Teile aller Musikdaten im Netz akkumuliert hat, Apple kaufte den Zane Lowe, den bekanntesten Radio DJ Englands ein, um vergleichbare Zwecke zu erreichen wie Spotify mit Echonest 2). Die ins Hundertste und Tausendste zerfallenen Musikservices und Medien im Internet müssten durch geschickte Zusammenschlüsse von Services zu rentablen Plattformen integriert werden. Und die Musikindustrie muss partnerin dieser Services werden, wie sie Partnerin der Radios war. Wie wäre eine solche Integration anzustellen?
Dies wäre ein Vorhaben aus dem ich ein Buch, eine Habil oder eine Produkt entwickeln könnte …

Notes:

  1. Richard A. Peterson (1990): «Why 1955? Explaining The Advent Of Rock Music». In: Popular Music, Vol. 09 Iss. 01, pp. 97-116, Cambridge University Press
  2. siehe: Mark Mulligan: Why Zane Lowe Could Do More For Discovery At Apple Than Echonest’s $25.6 Million Does For Spotify, Music Industry Blog, 17. Februar 2015

Steven Wilson über das Musik machen heute

In einem Interview beschreibt Steven Wilson, der unter anderem bei Porcupine Tree oder bei Blackfield spielt, wie es heute ist und was es heisst, Musik zu machen.

Wie es ist

Die Gegenwart ist geprägt von der Verfügbarkeit der Musik der Vergangenheit. In der Vergangenheit wurden alle Extreme, wie es uns scheint, ausgelotet:

There are very few barriers […] left to be broken, and very few hybrids to be created between different forms of music. And that was one of the things that kept music going for awhile: we had hybrids of metal and hip-hop, country and pop, all those other sorts of things. Most hybrids now have been tried by somebody—successfully or otherwise—and most extremes have been visited.

Die früheren Innovationen entstanden durch Mischung, Hybridisierung der Stile. Diese Strategie hat sich aber weitestgehend erschöpft.

Was es heisst

Als junger Musiker ist man auf der Suche nach Inspirationsquellen. Früher war es schwierig, an Musik heran zu kommen, die nicht dem Mainstream zuzurechnen war. Heute ist die ganze Geschichte, Mainstream und Untergrund, auf Youtube und ähnlichen Quellen verfügbar, abgerufen mit einem Mausklick. Was heute unter dieser technokulturellen Bedingung wichtig wird, sei Persönlichkeit, sagt Wilson:

What are we left with now? We’re left with personality; we’re left with musicians that are somehow able to make the existing forms seem fresh by virtue of being strung through their musical personality. So now in a sense we’re in a kind of YouTube generation where the past is all available to us with a click of a few buttons, and that becomes very powerful: futurism becomes retro-futurism. People looking for inspiration are no longer looking to the now, they’re looking to the past. And I guess I’m one of those people. I find so much inspiration from that era of music, but I believe and hope that my musical palette and personality are strong enough that the records will sound uniquely like my own.

MusikerInnen werden wie Filter des Archivs. Ihre Individualität, ihr Charakter oder ihre Persönlichkeit ist eine Funktion dessen, was sie selektieren und verarbeiten.

zum Interview: Futurism Becomes Retro-Futurism: An Interview with Steven Wilson (Brice Ezell, PopMatters, 23. Mai 2013)

Notes:

  1. Richard A. Peterson (1990): «Why 1955? Explaining The Advent Of Rock Music». In: Popular Music, Vol. 09 Iss. 01, pp. 97-116, Cambridge University Press
  2. siehe: Mark Mulligan: Why Zane Lowe Could Do More For Discovery At Apple Than Echonest’s $25.6 Million Does For Spotify, Music Industry Blog, 17. Februar 2015