Die Ewigbestenliste von «musikzimmer.ch»

Über den Sinn von Ewigbestenlisten

Ewigbestenlisten sind das allerwichtigste auf der Welt. Ewigbestenlisten zu lesen und noch mehr selbst welche zu verfassen ist das süsseste Vergnügen im Leben. Es gibt nichts Wichtigeres als darüber Rechenschaft abzulegen und mit anderen darüber zu streiten, welche Platten die besten sind, welche mit auf die Insel kommen und welche ihren Ort im Zentrum des Herzens haben oder an die und die Stelle unserer kollektiven Biografie gehören, weil sie genau das zum Ausdruck bringen, was ich/wir damals empfunden und durchgemacht habe/n. Mit der einsamen Insel und dem Herzen geht es hier um den zentralsten, eingeschlossensten und privatesten Ort überhaupt. Um den Ort, wo kein anderer wirklich hinkommt. Da, wo vielleicht jemand mal in die Nähe kommt, aber sich nicht weiter nähern kann. Da, wo die Anderen nie und niemals hinkommen. In deren ganzen Leben nicht. Da, wo der Planet ist, wo jede(r) von uns herkommt.

Der Streit über die besten und wichtigsten Platten ist immer die reine Gigantomachie, denn Diskografien mit den ewigbesten Alben sind ein Stelldichein der Superlative: Es sind die Besten, die Grössten, die Liebsten, die Wirkungsmächtigsten, die Wahrsten.

Die Bestenliste dient natürlich auf keinen Fall – hörst du, ich sage: auf keinen Fall! – dazu, in der verzeichneten Reihenfolge durchgespielt und durchgehört zu werden wie eine billige Hitparade. Diese gigantischen Alben löschen sich gegenseitig aus und das darf nicht geschehen. In diesen Platten liegt zum einen Zeitgeschichte, zum andern haben sie meine eigene Lebensgeschichte aufgezeichnet. In ihnen liegen meine Erinnerungen, meine Eindrücke und ALLE meine Gefühle. In sie habe ich mich verlegt, in ihnen habe ich mich verloren.

Schallplatten und CDs sind Aufzeichnungsmedien. Wie jedes Medium stehen sie in der Mitte zwischen zwei Seiten und zeichnen zwei unterschiedliche Dinge auf: Schallwellen bzw. Klänge zum einen, meine Gefühle und Erinnerungen zum andern. Schallplatten sind die Aufzeichnungsmedien meiner selbst bzw. die Aufzeichnungsmedien unseres kollektiven Lebens. Die Biografie entsteht deshalb unter anderem in solchen Medien. Was in einer persönlichen Bestenliste aufgezeichnet ist, ist das Leben selbst.

Schliesslich ist jede Bestenliste doch auch ein von vornherein verlorener Versuch, die eigene Welt mit der Welt eines oder der anderen in Verbindung zu bringen, denn wie jede Person, die eine Bestenliste verfasst, rechne ich damit – und mein Herz weiss, weiss, weiss: Eines Tages kommt mir aus der Ferne jemand mit einer weitgehend gleichen Bestenliste entgegen. Dann wird meine Sehnsucht gestillt sein. Wir gründen eine Band, werden erfolgreich und gehen in eure Bestenlisten ein.
Nachbemerkung zur Ewigbestenliste des Musikzimmers

Die Mischung von Stilen, die meine Bestenliste ausmacht wird dir vielleicht verständlich, wenn du dir vergegenwärtigst, was Jim O’Rourke in einem Interview einmal gesagt hat: «Ich bin nicht darauf versessen, unbedingt in einem Genre zu arbeiten und darauf zu achten, ob ich die Generegrenzen vielleicht verletze. Ich arbeite ganz nach Gehör. Ich höre Musik, die ich mag, und Musik, die ich nicht mag – und ich kann ziemlich genau sagen, warum ich eine Musik mag. Es hat damit zu tun, dass die Musiker sich auf der Höhe der Zeit befinden, ihre eigene Stimme gefunden haben und mit ihr auch weiterarbeiten – das sind die Faktoren, die zählen, unabhängig von jedem Genre.» (zitiert nach F. Klopotek, How they do it, 2002, Mainz, Ventil)

Und hier geht’s zu meiner Ewigbestenliste.

Über uns Christian Schorno

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