Technologie, Kultur und Recht des Filesharings

Technologie prägt Kultur

Was hat sich mit dem Breitband-Internetzugang und der Erfindung der MP3-Audiodatenkompression verändert? Musik kann direkt über das Internet verbreitet werden, Musikliebhaber sind auf der Suche nach Musik nicht mehr auf Händler angewiesen, die zumeist das in die Regale stellen, was sich gut verkauft. Auch die Gewohnheit, unter Freunden Musik auszutauschen, hat sich dank Filesharing: Software globalisiert. Musik als Kulturgut ist damit zugänglicher geworden. Sammler und Liebhaber sind dafür unendlich dankbar.

Auf dem technologischen Wandel folgt ein Wandel der gewohnheiten und Praktiken rund um das Musiksammeln. Man bezieht seine Musik über das Internet, man findet umfangreiche Informationen zu Musik in internetbasierten Datenbanken (z.B. im All Music Guide oder bei Discogs) oder in Onlinemagazines (z.B. bei Pitchfork, themilkfactory oder PopMatters). Man legt Sammmlungen mit speziell dafür vorgesehener Hard- und Software an (zum Beispiel mit NAS und iTunes).

Kriminalisierungskampagnen statt rechtliche Aufklärung

Statt rechtliche Aufklärung bekommt der Konsument zumeist die Begriffe und die Argumente einer gross angelegten Werbekampagne zu hören und zu lesen. Deshalb empfehle ich Schweizern die Lektüre der hervorragenden Site www.copyright.ch (Menu: Musikdownload und Filesharing). Dort kann man lernen, dass Downloaden in der Schweiz erlaubt ist (obwohl in anderen Ländern Bemühungen im Gang sind, das Downloaden von unrechtens ins Netz gestellten Files als Vergehen zu definieren). Sodann ist es jederzeit erlaubt, Verwandten und Freunden (nicht jedoch einem Bekannten) eine Kopie eines erworbenen Mediums herzustellen. Auch die Verwendung von Medien im Rahmen der Lehre ist erlaubt. Eine digitale Datei darf in einer passwortgeschützten Umgebung/Plattform angeboten werden, sofern der Passwortschutz den Kreis der Nutzer auf den tatsächlichen Klassenverband/Studierendenkreis einschränkt.

Die Musikindustrie will Konsumenten glauben machen, dass sie kriminell sind, wenn sie einen Track oder eine CD statt käuflich erwerben kopieren oder downloaden. Das Musikverlagswesen reagiert damit auf die Veränderungen der Gewohnheit (cultural shift), die auf die veränderten technologischen Möglichkeiten folgt, die sichtbar zu Umsatzeinbussen geführt haben. Schallplatten- und CD-Läden verschwinden und die, die bleiben, werden noch schlechter.

«Download» oder «sharing»?

Noch einige eher philosophische Bemerkungen zum Begriff «downloaden»: Das ist der Begriff, bei der die von der Werbekampagne der Musikindustrie versuchte Kriminalisierung ansetzen soll: Die Formel der Kampagne heisst: downloaden = illegal. Über diese Formel mokiert sich der Song «Downloading» von Negativland (2005), der viele Audio-Dokumente zum Thema zu einer Klangcolage montiert (siehe das Album No Business).

Die Realität ist zum Glück nie so einfach wie die Werbung es suggeriert. «Downloaden» ist als Begriff zu eng. Es geht um die Verbreitung über das Internet. Es geht um eine Form von Kommunikation, von sozialer Tauschhandlung, um eine soziale, nicht private Handlung. Der Begriff «downloaden» tut so, als kämen die Inhalte aus dem Himmel. Was tatsächlich passiert ist aber doch, dass jemand etwas (vielleicht oft widerrechtlich) ins Internet stellt, damit es jemand anders herunter laden kann. Oder jemand digitalisiert Medien (unter dem Gesichtspunkt «Recht auf Privatkopie», also kein Vergehen) und teilt die digitalen Kopien mit anderen Internetbenutzern (filesharing). Das ist, was im hohen Mass passiert: Wir «downloaden» nicht, wir «sharen» unsere Medien als digitalisierte Dateien im Rahmen einer Community.

Recht hinkt hinten nach

Auf die Filesharing-Praxis sind die traditionellen Gesetze nur zum geringen Teil vorbereitet: Recht auf Privatkopie und Weitergabe an Freunde und Verwandte schliesst globales Filesharing natürlich aus. Die schweizerisxche Gesetzgebung erlaubt aber das Downloaden und verfolgt nur das uploaden. Aber was heisst das in der Welt des Filesharings als sozialer Handlung? Wenn ich ein Soundfile legal downloade, biete ich es sofort wieder in der Community an. Damit mache ich mich strafbar. Das heisst mit einer legalen Handlung (download) mache ich mich strafbar, weil jeder Download auch ein Upload ist. Man sieht an diesem Beispiel, wie wenig die Gesetzgebung die gegenwärtige technologische Entwicklung reflektiert. Reflektiert ist die Kopier- und Verbreitungskultur einzig in der Tatsache, dass seit vielen Jahren Abgaben auf Speichermedien (Kassetten, CDRs, iPods etc.) erhoben werden, zur Abgeltung des Urheberrechts/Copyrights. Die Frage lautet, ob mit diesen Abgaben die Autoren nicht zu ihrem Recht kommen können.

Verbot oder totale Kontrolle als Option?

Die Alternativen, die der konservativen Musikindustrie wahrscheinlich am ehesten behagen, bestehen darin, zunächst Filesharingprogramme zu verbieten und dann nötigenfalls vollständige Kontrolle über den Gebrauch von Dateien auszuüben. Man würde dann für jedes einzelne Anhören eines Files zur Kasse gebeten.

Nun, alle diese Strategien sind heikel: Filesharing zu verbieten ist nicht sehr praktikabel, denn es könten innert kürzester Zeit andere, nicht serverbasierte Technologien verwendet werden. Diese zu verbieten hiesse, an der Substanz der Vernetzung zu rütteln. Man könnte dann gleich das Internet verbieten und zurück zum Papier und zum Buch gehen. Komplexe Kontrollsysteme und -technologien für Dateien zu entwickeln, wäre kostspielig und gäben dem Internet zumindest partiell eine totalitäre Struktur. Will das tatsächlich jemand?

Man mag Lücken im Gesetz feststellen und beklagen. Das Leben geht aber trotzdem weiter. Man benutzt Programme wie iTunes und Soulseek und löst die kognitive Dissonanz zwischen technischer Möglichkeit und eventueller Widerrechtlichkeit mit der Stimme des gesunden Menschenverstands. Dieser spricht: «Come on, Leute, macht von Soulseek und vergleichbarer Software Gebrauch, wenn euch danach ist! Kauft aber auch die Musik und die Filme, die euch am Herzen liegen. Die Musik wird deshalb bestimmt nicht sterben. Es gehen höchstens diejenigen Musiker und Verlage ein, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen.»

Das Paradies auf Erden

Filesharing, speziell Soulseek, ist für den Musikliebhaber das Paradies auf Erden. Und dieses Paradies hat ja seinen Preis, den man mit der Zeit zahlt, die das suchen und herunterladen kostet, den man monetär mit den Abgaben auf CD-Rohlingen und Speichermedien zahlt. Reicht das nicht? Sollten diese Abgaben tatsächlich nicht genügen? Dann müssten eben die Sätze neu verhandelt werden, statt die Gewohnheiten von Abertausenden zu kriminalisieren oder das Internet einer zentralen Kontrolle zu unterwerfen.

Weiterlesen
Dokumentarfilm Good Copy Bad Copy (Dänemark, 2007)
Das aktuelle Urheberrecht ist die eigentliche Katastrophe (Neunetz.com, Oktober 2011)

Bericht des Bundesrates zur unerlaubten Werknutzung über das Internet in Erfüllung des Postulates 10.3263 Savary (August 2011)

Auch das Gegenteil ist richtig – über Sinn und Unsinn von Filesharing-Studien (Juni 2012)

Über uns Christian Schorno

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