Gérard Genettes Architext

The Architext (Buchcover)

The Architext (Buchcover)

Der Architext nach Gérard Genette ist eine von mehreren Dimensionen der Intertextualität1, es ist eine der Arten wie ein anderer Text in einem bestimmten Text vorkommt. Die Architextualität ist vielleicht die am wenigsten greifbare Art der Intertextualität.

Was mich als Sammler und Archivar an der Intertextualität interessiert: dass ein Werk immer mit allen anderen Werken in einem Verhältnis steht. Mit allen? Nein natürlich nicht, aber mit einigen. Freilich kennt man als Spezialist/-in die relevanten intertextuellen Relationen – und mit dieser Kenntnis versteht man das einzelne Werk bzw. den einzelnen Text besser. Die Erfahrung der Relevanz der Intertextualität ist eine, die tendentiell Gelehrte, Belesene und Sammler machen. Sie ziehen ein einzelnes Werk aus dem Regal und wissen, dass es mit seinen Nachbarn (wenn man eine Ordnung im Regal hat), aber auch mit anderen bestimmten Büchern oder Veröffentlichungen in einem Verhältnis steht. Man zieht so gesehen mit dem Werk viele imaginäre Fäden mit aus dem Regal. Diese Szene vor dem Regal ist so etwas wie die intertextuelle Ursituation. Das herausgezogene Werk hat diese Fäden zu anderen Werken und es hat als ein naher Horizont die ganze Sammlung und als ferner Horizont das gesamte Dokuversum, das aus allen Werken überhaupt besteht.

Genette führt in einem hoch-dramatischen Moment seines Buches vor, dass wer (im Gegensatz zum oben Gesagten) glaubt, dass eine Textlektüre ohne den Architext auskäme, sich mächtig täuscht. Kurz vor Schluss im letzten Kapitel XI, nimmt die Erörterung eine dialogische (und in dem Sinn ebenfalls dramatische) Gestalt an. Der imaginäre Gesprächspartner2, wendet ein: «I can always shut myself up inside [the text] and comment on it in my own way.» – «You are, then, shutting yourself up inside a genre» – «What genre?» – «Textual commentary, for heaven’s sake, and even, to be exact, textual-commentary-that-doesen’t-care-about-genres: that’s a subgenre.» Das Argument von Genette besteht darin, dass die architexturale Dimension jedem Text eingeschrieben ist bzw. dass jeder Text den Architext als transzendentalen Horizont mitführt, vor dem er erst verständlich ist. Es gibt für Genette keinen Text, der ohne diesen Architext existieren könnte.

Anders gesagt: Es gibt keinen Genre-freien Text. Es gibt Genremixes, aber jeder Teil eines solchen Mixes kann wiederum einem Genre zugeschrieben werden. Es gibt Genrehybriden, zum Beispiel Rank Strangers von den Stanley Brothers, das sowohl ein Close-Harmony-Country- als auch ein Gospel-Stück ist. Selbstverständlich steht dieses Stück nicht allein da, denn Genrehybriden sind selbst Genres bzw. Stile (siehe Musikzimmer Stildiskografie). Manchmal streitet man, welchem Genre ein bestimmtes Werk zuzuordnen ist. Solche Zuordnungs-Schwierigkeiten sind kein Beweis für die Absenz von Genres.


Stanley Brothers: «Rank Strangers». Text und Musik: Albert Brumley. Nachweis (Album): Starday SLP 122, 1960.

Zur Architextuellen Dimension gehören für Genette: Genres, Subgenres, Stile, Modi, Narratologie, Figuren.3 Entscheidend an diesen Textdimensionen ist, dass die Formen frei kopiert werden können und nicht vom Urheberrecht geschützt sind. Das Genre des Märchens hat keinen Urheber. Auch ein neues Genre, ein neuer Stil darf imitiert werden.4

Im Feld der Populären Musik heisst Intertextualität, dass ein Song oder ein Album im Zusammenhang mit anderen Songs oder Alben steht, auch mit Songs oder Alben, die architextuell verwandt sind. Auch hier trägt der Architext zum (besseren) Verständnis des Texts bei.

Es fällt mir nicht leicht, architextuelle Beziehungen auf die Musik zu übertragen. Es stehen viele offene Fragen im Weg: Gibt es in der Musik eine dermassen fundamentale Teilung wie in der Literatur? Spielt die selbe Dreiteilung eine Rolle? Gewiss gibt es lyrische Musik, dramatische Musik und epische Musik. Doch, ist das gleich wichtig wie in der Literatur? Hat das einen gleich grossen Stellenwert? Reden wir vom Text (den LYRICS), von der Musik oder vom Song (Einheit von Text und Musik)?
Ist die Zweiteilung zwischen Song und Track so etwas Fundamentales?

Zwischen Texten gibt es Verbindungen: Verbindungen des Genres, Stils, des Themas, der Besetzung, Listenzugehörigkeiten, Korpuszugehörigkeiten, Katalogzugehörigkeiten, Genre/Stilzugehörigkeiten, thematische Verwandschaften, zeitliche Verwandtschaften … Solche beziehungen werden in der Datenbank von Musikzimmer abgebildet.

Notes:

  1. Genette subsummiert unter den Überbegriff «Transtextualität» (1) die «Intertextualität» (Zitat, Anspielung, Plagiat), (2) die Paratextualität (Titel, Titelstruktur, Zwischentitel, Vor- und Nachworte, Fussnoten, Motti, Umschlagtexte usw.), (3) die Metatextualität (Kommentar, Rezensionen, Interpretationen, aber auch Stellen, in denen der Text über sich selbst spricht), (4) die Architextualität (Zugehörigkeit zu Gattungskategorien) und die Hypertextualität (Verwandtschaften zu anderen Texten).
    Siehe: Genette, Gérard: Palimpsestes. La littérature au second degré. Paris 1982
  2. ganz am Ende des Kapitels sprechen sich die Parteien an: «Frédéric» und «Sir Poetician» (siehe p. 85)
  3. siehe ebda. p. 83 f.
  4. Der Fall von Blurred Lines, das Got To Give It Up imitiert, hat im März 2015 Wellen geworfen, da die Stilkopie als Plagiat erklärt wurde. Dies war, so der Jurist Wallace Collins, der erste Prozess, in dem keine Melodie, Harmonie(folge), kein Rhythmus oder Lyrics kopiert wurden (siehe: «Blurred Lines» Decision Could Be Overturned On Appeal, Hypebot, 11.3.15).

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